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Wie ich auf einem Berg im Hindukusch vergessen wurde

Während meines ISAF-Einsatzes in Afghanistan im Jahr 2008 in Feyzabad bekam ich einen Einzelauftrag. Ich sollte als Sicherung für die PSYOPS-Kräfte fungieren und mit dem Gewehr erhöhter Reichweite, dem G82, das Vorgehen der abgesessenen Kräfte überwachen.

Soldat in Wüstentarnuniform mit Hut und Sonnenbrille vor einer Berglandschaft.
Erinnerungsfoto aus meinem Afghanistan-Einsatz 2008.

Warum ausgerechnet ich?

Nun könnte man fragen: Warum ich?

Zum damaligen Zeitpunkt war das G82 der Firma Barrett recht neu in der Bundeswehr, und nur wenige waren daran ausgebildet. In meinem Kontingent waren das nur ein Hauptfeldwebel und ich. Ich war zu diesem Zeitpunkt Hauptgefreiter.

Die PSYOPS-Kräfte hatten darauf bestanden, mit dieser Waffe im Schwerpunkt gesichert zu werden. Damals habe ich das nicht hinterfragt. Dabei war die Waffe, die ich bekam, nicht auf mich eingeschossen, und einen Spotter bekam ich auch nicht. Mir blieben lediglich meine Erfahrung und meine Liste mit den Klicks zur Einstellung des Zielfernrohrs. Grob zumindest.

Auch sonst hinterfragte das niemand. Ich wurde einfach „ausgeliehen“.

Soldat hinter einem großen Gewehr mit Zielfernrohr unter einem Tarnnetz.
Das G82 – eine der Waffen, an denen ich damals ausgebildet war.

Ein Auftrag mit wenigen Informationen

Also meldete ich mich in aller Frühe in der speziell abgesicherten Unterkunft der PSYOPS-Kräfte. Ich wurde in den Auftrag eingewiesen – zumindest so weit, wie sie es mir verraten durften. Ich besaß damals keine Freigabe, die mir Zugang zu allen Informationen erlaubt hätte.

Ich wusste zumindest, dass wir in eine Ortschaft fahren würden, die noch nie ISAF-Truppen gesehen hatte. Dort sollte sich eine Person befinden, die als V-Mann agierte und mit der gesprochen werden sollte. Mehr Informationen hatte ich nicht. Ich sollte nur als zusätzliches Sicherungselement mitkommen.

Ich nahm alle meine Waffen mit: mein G36 mit fünf Magazinen und meine P8 mit zwei Magazinen. An der Waffenkammer erhielt ich das G82 mit zehn Schuss Weichkernmunition und zehn Schuss panzerbrechender Kinetikmunition.

Nachdem ich einsatzbereit war, fuhren wir auch schon los.

Natürlich tat ich, was sich für einen Mannschaftssoldaten gehört, der gerade keinen anderen Auftrag hatte, als es sich auf dem Rücksitz seines MSA-Wolfs bequem zu machen: Ich ruhte. Ich schlief. Die meiste Zeit der zwei- bis dreistündigen Fahrt.

Soldat mit Schutzweste, Rucksack und Waffen auf einer staubigen Straße vor Bergen.
Mit der Ausrüstung im Einsatz 2008.

Mein Platz auf dem Berg

Wir hielten in der Nähe der Ortschaft, deren Namen ich heute nicht mehr weiß, und saßen von den Fahrzeugen ab. Ich nahm meine gesamte Ausrüstung mit, und wir näherten uns einer Anhöhe: einem kleinen Berg mit einer schönen Kuhle, von der aus man die kleine Ortschaft von oben beobachten konnte.

Heute weiß ich, dass dieser Ort ziemlich dämlich war, um mit so einer Schwerpunktwaffe eine Sicherung aufzubauen. Aber naiv, wie ich war, nickte ich das ab und machte es mir bequem. Ich baute eine kleine Tarnung auf und erklärte ihnen, was ich sehen konnte und wo ich keinen Einblick hatte.

Sie nickten und saßen auf, um in die Ortschaft zu fahren. Man ließ mir ein Sechserpack mit 0,5-Liter-Wasserflaschen da, ein Funkgerät und sonst nichts. Kein zweiter Mann. Keine Absprachen darüber, wie ich mich verhalten sollte, wenn der schlimmste Fall eintrat.

Die Befehlsausgabe war für den Arsch. Es waren halt keine Infanteristen. Ich war ein kleiner Hauptgefreiter, und die anderen waren größtenteils Offiziere und Feldwebel. Aus heutiger Sicht halte ich dieses ganze Vorgehen für ziemlich fahrlässig. Wenn wirklich ernsthaft etwas passiert wäre, hätte das aus meiner Sicht Konsequenzen für die Verantwortlichen haben müssen.

Sie zogen mit den Fahrzeugen ab, und ich lag in meinem Loch. Allein. In der prallen afghanischen Sommersonne.

Nach einer gewissen Zeit sah ich die Fahrzeuge in die Ortschaft fahren und außerhalb meiner Sichtweite anhalten. Ich funkte sie an und bemängelte ihren Parkplatz. Sie hatten die Information zumindest verstanden, änderten aber nichts daran.

Da wusste ich, wie wichtig meine Sicherung wirklich war. -.-

Sonne, wenig Funk und ungebetene Gäste

Irgendwann sah ich die abgesessenen Kräfte zwischen den Gebäuden. Sie sprachen mit mehreren Personen und verschwanden hinter einer Tür. Ich beobachtete durch mein Zielfernrohr das Geschehen im Dorf. Die Sonne brannte mir auf den Körper, und mein Wasservorrat ging langsam zur Neige.

Die eine oder andere Stunde verging. Mein größtes Problem war nicht, dass ich keinerlei Informationen darüber erhielt, was da unten vor sich ging. Es war die stetige Verteidigung meiner Stellung gegen Skorpione, Spinnen und komische, gigantische Fluginsekten, von denen ich bis heute nicht weiß, was das war.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass die mindestens einen Stachel oder ein Gebiss hatten, mit dem sie hässliche Schmerzen hätten verursachen können.

Mein Wasser ging zur Neige, und bis auf ein paar kurze Sichtkontakte zu den abgesessenen Kräften hatte ich weiterhin keinerlei Informationen.

„Fuck! Die Penner haben mich vergessen!“

Irgendwann tat sich endlich etwas, und ich sah meine Truppe wieder in Richtung der Fahrzeuge laufen. Ich freute mich und sicherte so gut ich konnte die Abfahrt. Als sie die Ortschaft verlassen hatten, packte ich ebenfalls zusammen, um endlich von hier wegzukommen.

Ich wartete … und wartete … und wartete. Sie kamen nicht.

Ich funkte sie an, bekam aber keine Antwort.

Ich wartete … und wartete. Funkte wieder. Keine Antwort.

Dann kam mir der Gedanke:

„Fuck! Die Penner haben mich vergessen!“

Minuten vergingen, und ich war wie paralysiert, bis ich wieder einen klaren Gedanken fassen konnte.

Was machst du jetzt?, fragte ich mich. Vergessen, irgendwo in Afghanistan. Irgendwo im Hindukusch. Keine Ahnung, wo ich war. Keine Ahnung, wie ich wieder ins Camp Feyzabad zurückkommen sollte.

Ich hatte ja gepennt.

Mein Plan für den Rückweg

Ich fasste einen Entschluss: Ich schlage mich zurück nach Feyzabad durch.

Das G82 wollte ich nicht mitnehmen. 12,5 Kilogramm durch die Wüste? Nein danke! Mein Plan war also, die Waffe zu zerlegen und die Teile in alle Winde zu verstreuen. Den Verschluss hätte ich mitgenommen. Damit wäre die Waffe nutzlos gewesen, selbst wenn jemand die Einzelteile gefunden und zusammengesetzt hätte. Die Munition hätte ich ebenfalls mitgenommen.

Aber wie weiter?

Mein Plan war, entweder ein Fahrzeug eines unschuldigen Afghanen zu kapern und mir den Weg zurück zu suchen oder ihm eine Waffe an den Kopf zu halten und ihn aufzufordern, mich zurückzufahren. In der Hoffnung, dass er wusste, wo Feyzabad lag.

Aber davon ging ich aus.

Endlich kamen sie zurück

Das Ganze dauerte ungefähr eine halbe Stunde. Genau weiß ich es nicht mehr, aber es kam mir wie eine Ewigkeit vor.

Als ich anfing, das G82 zu zerlegen, kamen aus der Entfernung die MSA-Wölfe angefahren, um mich endlich abzuholen.

Auf meine Frage, ob sie mich vergessen hätten, verneinten sie das. Sie hätten nur sichergehen wollen, dass ich nicht aufgeklärt worden war. Und sie wollten selbst nicht aufgeklärt werden.

Natürlich. -.-

Sie hatten Funk dabei und hätten mir Bescheid geben können.

Zurück im Camp hatte ich ein Debriefing bei meinem Zugführer, dem ich alles schilderte. Seine Augen wurden dabei immer größer. Er ging anschließend in Richtung JOC, um das weiterzumelden.

Die Wahrheit kam beim Grillen

Am selben Abend kam einer der Soldaten der PSYOPS-Kräfte zu mir und sagte, ich solle mitkommen. Sie wollten mich bei sich zum Grillen einladen.

Das war ihre Entschuldigung dafür, dass sie mich tatsächlich vergessen hatten. Das haben sie mir an diesem Abend dann auch gebeichtet.

Das Funkgerät für meine Frequenz war ausgeschaltet gewesen, und sie waren einfach davongefahren. Sie waren es nicht gewohnt, externe Kräfte dabeizuhaben, und hatten schlichtweg vergessen, dass sie mich auf diesem kleinen Berg abgesetzt hatten.

Irgendwann war jemandem mein Rucksack im Fahrzeug aufgefallen. Der hatte sie daran erinnert, dass da noch jemand war.

Ein kleiner, treuer Soldat, der seinen Posten nicht verlassen hatte und kurz davor gewesen war, einem kleinen, unschuldigen Afghanen einen echt miesen Tag zu bereiten.

Soldat mit Gewehr an einem offenen Fahrzeug, im Hintergrund Häuser und Berge.
Eine weitere Aufnahme aus meinem Afghanistan-Einsatz.

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